Wahrheit und Erfindung: Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie (German Edition) by Koschorke Albrecht

Wahrheit und Erfindung: Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie (German Edition) by Koschorke Albrecht

Autor:Koschorke, Albrecht [Koschorke, Albrecht]
Die sprache: deu
Format: epub
ISBN: 9783104017662
Herausgeber: S.Fischer Verlage
veröffentlicht: 2012-10-08T22:00:00+00:00


Beharrungskraft von Narrativen

Einmal mehr laufen hier erzähltheoretische und epistemologische Problemstellungen zusammen. Im Bereich der Wissenschaftstheorie hat Thomas Kuhn seinerzeit analoge Überlegungen in Hinsicht auf Stabilität und Wechsel wissenschaftlicher Paradigmen angestellt.[442] Kuhn zufolge sind es soziologische, genauerhin: institutionssoziologische, nicht im wissenschaftlichen Objekt selbst liegende Gründe, die einen paradigm shift veranlassen. Auch das Erzählen findet unter institutionellen Rahmenbedingungen statt, wie im folgenden Teil dieses Buches ausführlicher dargelegt werden soll. Im letzten Teil schließlich wird das Verhältnis zwischen Erzähl- und Erkenntnistheorie in seinen noch darüber hinausgehenden Konsequenzen entwickelt werden. An dieser Stelle soll es genügen, einige der Faktoren zu benennen, die für die Beharrungskraft speziell von Narrativen verantwortlich sind. Denn während das ›Narrativ‹ mit dem ›Paradigma‹ (im Kuhn’schen Sinn) den Grundzug der Gruppenabhängigkeit und damit seine soziologische Einfärbung teilt, sind für das Verständnis der Funktionsweise des Erzählens noch weitere Merkmale bedeutsam.

Zum einen werden, wie schon öfter hervorgehoben, über das Erzählen affektive Bindungen orchestriert. Ein nicht allein von Gruppeninteressen oder von der Beharrungskraft institutioneller Normierungen, sondern auch von starken Affektbesetzungen getragenes Narrativ ist schwerer zu erschüttern als eines, das nur schwache Bindekräfte entfaltet. Zum zweiten ist die Entstehungsdynamik von Narrativen in Rechnung zu stellen, die kraft ihrer Mehrdeutigkeiten und Polyvalenzen große semantische Ressourcen zu mobilisieren vermögen. Man kann sich dies durch das Bild eines narrativen Stromes veranschaulichen, in den von allen Seiten die Nebenarme von Einzelgeschichten, Tropen, Metaphern einmünden, wodurch sich seine Umlaufmasse und Wucht vergrößern. Dies hängt drittens mit der Tatsache zusammen, dass entsprechend ›hochdotierte‹ kollektive Erzählungen auf ihre Realisation, das heißt auf Wirklichkeitsgeltung drängen. Der Abbau einer solchen Wirklichkeitsgeltung kann nur dort gelingen, wo komplementär eine neue narrative Realisierung erfolgt, die Funktionen und, in abgewandelter Form, auch manche der Inhalte ihrer Vorgängerfiguration übernimmt. Weil, mit einer Formulierung Hans Blumenbergs, der Mythos das Vakuum scheut[443] und der horror vacui eine mächtige Triebkraft des Erzählens bildet, muss eine Lücke im Geschichtengewebe sogleich gefüllt werden. Es herrscht mithin eine Art Summenkonstanz in der narrativen Ontologie: Eine Geschichte entkräften heißt, ersatzweise eine andere Geschichte erzählen.[444]

Viertens schließlich ist auch die epistemische Organisationsleistung von Narrativen zu berücksichtigen. Die Masse des durch Große Erzählungen aufbereiteten Wissens ist so unüberschaubar und das stabilisierende Geflecht ihrer internen Querverweise so dicht, dass sie zu einem eigenständigen, von außen kaum steuerbaren Gravitationssystem werden können. Insofern trägt es erheblich zum Beharrungsvermögen einmal gebräuchlich gewordener Erzählweisen bei, dass ohne deren synthetisierende Kraft große Wissensressourcen verwaisen, weil sie mit ihrer Struktur und Rahmung zugleich ihre soziale Verortung einbüßen. Ähnlich wie Computerdatensätze ohne das Programm, das sie generiert hat, unleserlich würden, ist das Wissen einer Gesellschaft, jedenfalls insoweit es in Gestalt sinnhafter Aggregate vorliegt, in ihren Selbsterzählungen abgelegt und zerfällt, sobald man es aus diesen herauslöst, in unzusammenhängende Kenntnisparzellen. Im Fall von lokalen Überlieferungen betrifft dies lediglich ein minoritäres Wissen, das durch solche Isolation seine semantischen Anschlussstellen verliert und erblindet. Die gesellschaftlichen master narratives jedoch binden große Mengen an Wissen und sind allein schon aus diesem Grund unentbehrlich. Daraus lässt sich eine Art Trägheitsgesetz von kollektiven Erzählungen ableiten, die ihre nominelle Außerkraftsetzung oft aus dem Grund überdauern, dass immense ›Datensätze‹ durch sie verschlüsselt sind.



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